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Video-Interview mit Miguel Nicolelis, Professor für Neurowissenschaften

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Professor Nicolelis, in Ihrem Labor haben Sie die Gehirne von drei Versuchstieren gesteuert. Diese drei Affen haben dann quasi mit der vereinten Macht ihrer Gedanken den Arm eines Roboters gesteuert. Ist das unsere Zukunft, dass Menschen zusammenarbeiten, indem sie ihre Gehirne miteinander verbinden?

Miguel Nicolelis: Ja, das kann schon sein. Wir wissen es noch nicht. Das war ein Experiment, mit dem wir neue Wege der Interaktion erkunden wollten. So wollten wir herausfinden, wie Gehirne miteinander interagieren, wenn sie durch eine Hirn-Maschine-Schnittstelle miteinander verbunden sind. Das System haben wir in unseren Laboratorien vor vielen Jahren entwickelt. Was wir eigentlich herausfinden wollten, ist, wie sich Gehirne verschiedener Individuen miteinander synchronisieren und ob sie zur Umsetzung einer Aufgabe mental zusammenarbeiten können. Aber es ist zu früh zu sagen, dass sich hier etwas entwickelt, was jeder in Zukunft nutzen kann.

Was glauben Sie, wie werden Menschen in Zukunft mit Maschinen interagieren?

Miguel Nicolelis: In beide Richtungen. Wie wir mit Geräten, wie unseren Computern oder Handys interagieren, aber auch, wie wir miteinander interagieren, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, etwas, das ich Brain Net nenne, ein Netz von Gehirnen, die zusammenarbeiten, um eine Art motorisches Ziel zu erreichen.

Sie haben uns vor den Risiken gewarnt, dass Menschen wie Roboter werden. Was meinen Sie damit?

Miguel Nicolelis: Nun, das Gehirn bringt sich regelmäßig selbst auf den neuesten Stand. Es verändert laufend seine funktionale und sogar physiologische Konfiguration. Wir sind der digitalen Logik und digitalen Geräten übermäßig stark ausgesetzt. Das Gehirn reagiert darauf und beginnt, sich unter bestimmten Bedingungen wie ein Clone des digitalen Geräts zu verhalten, denn es übernimmt die Statistiken dieser Systeme. Schließlich sind mit der Nutzung dieser Geräte viele Belohnungen verbunden. Ich fürchte deshalb auf lange Sicht, dass sich das Gehirn ausschließlich in Richtung Situationen weiterentwickelt, in denen es auf bestmögliche Weise wie digitale Systeme arbeitet. Und in diesem Fall könnte es sehr menschliche Eigenschaften beeinträchtigen wie etwa unsere Gefühle oder unsere Kreativität, unsere Intuition, Eigenschaften, die Computer nicht haben und auch nie haben werden.

Welche anderen Möglichkeiten gibt es noch, unseren menschlichen Körper zu erweitern oder verbessern? Chip-Implantate, Exoskelette, Sensoren?

Miguel Nicolelis: Wenn es um den Einsatz einer Hirn-Maschine-Schnittstelle geht – und an dieser Technologie wird nunmehr seit fast zwei Jahrzehnten gearbeitet, kommen wir zu der Überlegung, besonders in der Medizin, ob wir nicht mit dieser Technologie Schädigungen heilen können, die durch neurologischen Schädigungen oder Hirntraumata verursacht wurden. Das kommt schon heute auf uns zu. Aber diese Implantate zum Beispiel werden nur zur Behandlung von Patienten empfohlen und ethisch akzeptiert, denen es sehr schlecht geht. Menschen, die vollständig gelähmt sind und keine Hoffnung auf eine andere Therapie oder andere Optionen haben. Wir können aber auch ohne Implantate eine Menge tun, Dinge die sich in nicht invasiver Weise realisieren lassen. Implantate verwenden wir eigentlich eher für Untersuchungen am Gehirn von Tieren. Ich glaube wirklich, dass – wie bereits geschehen – hirngesteuerte Exoskelette unter Einsatz einer nicht invasiven Technologie zur Aufzeichnung von Hirnaktivitäten in Zukunft für Anwendungen in der Medizin und für Anwendungen im täglichen Leben für die meisten von uns sehr hilfreich sein können.

Und wenn Sie den Blick in die Zukunft richten, welche Art von Services und Technologien erwarten Sie?

Miguel Nicolelis: Nun, es gibt viele Möglichkeiten. Wissen Sie, es ist immer schwer, die Zukunft vorauszusagen. Aber ich denke, dass eine Hirn-Maschine-Schnittstelle uns eine völlig neue Interaktion mit Geräten ermöglichen und unseren Wirkradius erweitern kann. Denn wie ich schon in einigen Studien unter Beweis gestellt habe, muss das Gerät nicht zwingend in deiner unmittelbaren Nähe sein, es kann ferngesteuert werden oder an einem fernen Ort sein. Das kann die Art und Weise, wie wir mit z.B. digitalen Maschinen interagieren, deutlich verändern.

Schauen Sie optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Miguel Nicolelis: Ich bin optimistisch, was das Leistungsvermögen der Wissenschaft angeht, denn ich arbeite nun schon seit 35 Jahren in der Neurowissenschaft und habe die Fortschritte in diesem Bereich miterlebt. Ich habe ein paar Bedenken, wenn ich daran denke, wie weise wir wohl werden und wie weise wir Technologien in Zukunft anwenden werden. Deshalb ist es für mich auch so enorm wichtig, in die Öffentlichkeit zu gehen und darüber zu informieren, was in diesem Bereich real ist und was Science-Fiction. Nur so können die Bürger eine fundierte Entscheidung treffen, wenn es darum geht, ob all dies für die Gesellschaft hilfreich ist.

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